von Klaus-Uwe Becker, 19.07.2026
Würde man Aktionäre fragen, warum sie Wertpapiere kaufen, dürfte die große Mehrzahl der Antworten wie folgt lauten. Man möchte einen Gewinn erzielen, private Vorsorge betreiben oder Vermögen aufbauen. All das sind selbstverständlich legitime Motive für eine Betätigung an der Börse. Unterhalb dieser Begründungsoberfläche, dieser populären Wahrnehmungsebene, versteckt sich jedoch eine ganze Reihe weiterer Beweggründe, die Aktien zum sinnvollen Mittel, ja sogar zu einem wertvollen Privileg machen.
Entkopplung und Emanzipation
Ein wesentlicher Vorteil des Aktionärsdaseins besteht darin, die völlige Freiheit bei der Auswahl der Aktien, die man erwerben möchte, genießen zu können. Bei nur wenigen Ausnahmen und Restriktionen, verfügt man als Investor über einen wahrhaft globalen Zugriff auf alle börsengängigen Unternehmen. Den Bürgern der ehemaligen DDR wurde dies aus politischen Gründen verwehrt. Inländische Aktiengesellschaften existierten nicht, ja waren politisch nicht gewollt. Aber auch Investments in ausländische Aktiengesellschaften waren faktisch unmöglich, weil dafür sowohl die erforderlichen ausländischen Devisen fehlten, aber auch die depotführenden Banken.
Durch die uns zur Verfügung stehende riesige Auswahl börsennotierter Unternehmen ist es möglich, sich zumindest teilweise von den Auswirkungen einer dysfunktionalen Wirtschaftspolitik im eigenen Land zu entkoppeln. Der Einfluss einer Politik, die die Entwicklungspotenziale der Menschen limitiert, wird entscheidend minimiert. Dabei handelt es sich allerdings nicht um eine 100-prozentige Abkopplung. Ohne Auswanderung verbleiben vielfältige Abhängigkeiten, resultierend aus den Konsequenzen von Politik. Diese wirken sich auf das eigene Leben und Berufsumfeld aus.
Das aus diesem Umfeld erwirtschaftete Anlagekapital ist jedoch frei, frei beweglich und ausschließlich der Entscheidungsgewalt des Besitzers unterworfen. Dadurch ermöglicht es eine Art Emanzipationsprozess. Dieser kompensiert z. B. den deutschen Mangel an zur Verfügung stehendem Venture Capital und die sich daraus ergebende geringere Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie.
Ein Investment in eine nicht-bundesdeutsche Aktiengesellschaft kann ein klares Bekenntnis, eine Hinwendung zu einer mutigeren Unternehmensführung bedeuten. Einer Unternehmensführung der das ultimative Streben nach Größe, nach Marktführerschaft, in die Gene gelegt worden ist. Gleichermaßen ist es ein Abschied aus der deutschen Mittelmäßigkeit, die sich oft selbstgefällig auf die bloße Fokussierung des Kerngeschäfts begrenzt und nur noch das Legacy Business – den etablierten, traditionellen Geschäftsbereich eines Unternehmens – bürokratisch verwaltet.
Indem man sich an einem Unternehmen eines Landes mit besserer Wirtschaftspolitik beteiligt, entzieht man das eigene Anlagevermögen somit faktisch den fatalen Konsequenzen einer dysfunktionalen Politik und Unternehmensphilosophie. Es ist eine Art ultimativer Befreiung aus den ökonomischen Fesseln, in die man hineingeboren wurde. Aktien sind ein wesentliches, ein grundliberales Element der wirtschaftlichen und politischen Freiheit.
Entlohnung individueller Kompetenzen
Die eigene Berufswelt ist oft durch Faktoren definiert, die individuelle Potenziale deckeln bzw. nicht zur vollen Entfaltung kommen lassen. Vorgesetzte befördern nach subjektiven Vorstellungen, unterschätzen Kompetenzen unabsichtlich oder gar absichtlich, präferieren jüngere oder weibliche Mitbewerber, aus welchen Gründen auch immer. Auch flache Hierarchien sehen in einigen Berufsfeldern kaum Möglichkeiten für einen sozialen Aufstieg vor.
Jeder individuell agierende Aktionär, der keinen Fondsmanager zwischenschaltet, hat die 100-prozentige Kontrolle über seine Entscheidungen und ist zu 100% in Erfolg oder Misserfolg eingebunden. Mit Ausnahme der Entwicklung am Aktienmarkt und der Höhe des zur Verfügung stehenden Kapitals, existieren keinerlei zusätzliche Abhängigkeiten. Nichts bestätigt und belohnt die eigenen Kompetenzen gerechter und großzügiger als die Börse, zumindest auf lange Sicht. Erfolg oder Misserfolg fällt ausschließlich und ursächlich auf den Investor zurück; das erdet den Investor und befördert Kompetenzen.
Entscheidet sich der Investor jedoch dafür, in einen Fonds zu investieren, gibt er nicht nur einen entscheidenden Teil seiner Freiheit auf, sondern limitiert zudem seinen Erfolg bewusst auf ein durchschnittliches Niveau. Bildlich gesprochen, verzichtet er damit freiwillig und grundsätzlich auf die Möglichkeit, den Jackpot zu gewinnen. Meist erhält er dafür allenfalls eine trügerische Sicherheit vor einem Totalverlust. Sein Vermögen liegt vollständig in der Hand eines ihm unbekannten Menschen, dem Kompetenz nachgesagt bzw. per Profession grundsätzlich unterstellt wird. Wäre der Fondsmanager wirklich genial, würde er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausschließlich für sich selbst arbeiten wollen.
Erfolg mit den Erfolgreichen
Hat man während der Ausbildung zufällig nichts über Raketentechnik, menschliche Zellen, KI, das Genom o. Ä. gelernt und keinerlei unterstützendes Netzwerk in diesem Umfeld aufbauen können, ist der Weg zum eigenen Unternehmen meist versperrt. Auch die möglicherweise fehlenden, materiellen Voraussetzungen limitieren die Chancen, ein eigenes Unternehmen zu gründen und auf diesem Weg erfolgreich zu sein.
Grundsätzlich unlimitiert ist jedoch die Möglichkeit, sich an erfolgreichen Unternehmen aus den oben angeführten Bereichen zu beteiligen. Gesundes Urteilsvermögen, Interesse und Ausdauer reichen oft, um wenigstens durchschnittliche Renditen zu erzielen.
Die meisten Menschen bewundern den Erfolg und die Erfolgreichen. Ob es sich dabei um Sport, die Unterhaltungsbranche oder Unternehmen handelt, ist für diese Bewunderung nebensächlich. Im Sport kommen viele Menschen auf den Gedanken, sich einem erfolgreichen Fußballklub als Fan zuzuordnen. Und dass, obwohl damit im Erfolgsfall, außer berechtigter Freude, keinerlei substantielle Veränderung für den Fan verbunden ist. Auch die stille Bewunderung des Vermögenszuwachses von Elon Musk (Tesla), Jen-Hsun Huang (Nvidia), Sam Altman (OpenAI) oder Warren Buffett (Berkshire Hathaway) ist ausschließlich ideeller Natur und wirft keinerlei Mehrwert für den Bewunderer ab.
Der eigentlich naheliegende Gedanke, sich über den Kauf entsprechender Aktien am Erfolg der Erfolgreichen zu beteiligen und quasi auf deren Erfolgswelle, deren Kompetenz und wirtschaftlichem Erfolg mitzuschwimmen, ist vielen Menschen hingegen völlig fremd. Dabei müssen sie keine Forschungsabteilung des betreffenden Unternehmens kontrollieren, keine Fabriken betreiben oder Bilanzen erstellen. Das Funktionieren eines gewaltigen Apparates, quasi exklusiv aus der Stadionloge betrachten zu können, blenden sie als Möglichkeit für sich selbst aus. Dieser Logenplatz ist im wahrsten Sinne des Wortes das eigentliche Privileg, das Geschenk, dessen Eintrittskarte der Besitz einer einzigen Aktie ist.
Vor diesem Hintergrund kann man verstehen, wenn einem das Verständnis dafür abgeht, dass Menschen einerseits jede Beförderung und Lohnerhöhung mit großem Aufwand anzuschieben versuchen, andererseits jedoch eine Beteiligung am Erfolg der Erfolgreichen grundsätzlich für sich ausblenden und für das Privileg des Aktienbesitzes vollkommen blind sind.
Fatales gesellschaftliches Versagen
Dass Wertpapierbesitz ein Reichenprivileg sei, ist spätestens durch das Aufkommen der Neo-Broker ad absurdum geführt worden. Selbst der Kauf einer einzelnen Aktie kann sich bei Gebühren von nur einem Euro und kostenloser Depotführung langfristig rentieren. Vor diesem Hintergrund ist zu hinterfragen, inwieweit die durch die Linke beförderte negative Konnotation von Wertpapierbesitz als sozialer Akt bezeichnet werden kann. Gerade für Niedrigverdiener ist der Besitz von Aktien eines der wenigen legalen Mittel, um zu Wohlstand zu gelangen. Ist man nicht in der Lage, sich aus dem Umfeld wenig lukrativer Berufe heraus zu entwickeln, bleibt oft nur die Möglichkeit, die knappen, zur Verfügung stehenden Ressourcen, möglichst gewinnbringend einzusetzen. Der eigentliche Skandal liegt im gesellschaftlichen Versagen, die nachwachsenden Generationen nicht über die Vermögensbildung durch Wertpapierbesitz als weiteren Weg neben der beruflichen Qualifikation aufgeklärt zu haben.
Zeit ist der entscheidende Faktor, um Vermögen mit geringen Mitteln aufzubauen. Wer bereits in jungen Jahren schlau und konsequent ist, kann selbst mit einer überschaubaren Sparquote wohlhabend werden. Die große Allgemeinheit dürfte die berufliche Qualifikation als den Königsweg, vielleicht sogar als den einzig gangbaren, legalen Weg zu materiellem Aufstieg ansehen. Ist der eingeschlagene Berufsweg nicht mit dem gewünschten Erfolg verbunden, bleiben außer Überstunden und Zweitjob kaum nennenswerte legale Alternativen für den sozialen Aufstieg. Dass bereits ein Sparbetrag von monatlich 289 Euro, angelegt zu einer bescheidenen, durchschnittlichen Rendite von 7%, über den Zeitraum von 45 Jahren, jeden zum Millionär machen kann, muss Allgemeinwissen eines jeden Menschen sein.
Besteuerung und Durchlässigkeit
Ein weiteres, von Vielen nicht gesehenes bzw. nicht verwertetes Privileg besteht darin, den Zeitpunkt der Besteuerung von Vermögen fast beliebig lang aufschieben zu können. Als langfristig orientierter Anleger bestimme ich den Verkaufszeitpunkt meines Investments. Bis dahin kann man ungehindert vom Zinseszinseffekt profitieren. Alle Hinzugewinne des Aktionärs ziehen weitere, größere Gewinne nach sich, ohne durch eine auf den Gewinn anfallende Steuer beeinträchtigt zu werden. Diese fällt erst zum gewählten Verkaufszeitpunkt an.
Die soziale Komponente einer derartigen Investitionsstrategie liegt, wie so oft, etwas verborgen unter der Oberfläche. Beim finalen Verkauf liegen die zu entrichtenden Steuern ganz erheblich über dem Steuerbetrag, den der Fiskus etwa bei einem Kursfrist-Investment hätte einnehmen können. Auch der Fiskus profitiert somit vom Zinseszins.
Es existiert jedoch eine weitere, wesentliche soziale Komponente, die insbesondere von den linken Strömungen gern übersehen wird. Investiertes Kapital fördert und stützt die Industrie. Ohne Fremdkapital kann keine Volkswirtschaft existieren und schon gar nicht prosperieren. Die aktuelle Marktkapitalisierung des DAX beträgt rund 2 Billionen Euro. Der Bundeshaushalt für 2026 (Kernhaushalt des Bundes) liegt bei 520,5 Mrd. Euro. Die Vorstellung, die deutsche Wirtschaft planwirtschaftlich betreiben und finanzieren zu können, ist vor dem Hintergrund dieser Zahlen völlig absurd. Dabei wäre zudem zu berücksichtigen, dass der DAX lediglich einen Teil der gesamten deutschen Industrie abbildet.
Wie bereits dargelegt, ist die Aktienanlage ein weiterer, bedeutender Weg des sozialen Aufstiegs, ein Weg, der die soziale Durchlässigkeit fördert und stärkt. Eine oftmals geforderte höhere und frühere Besteuerung von Aktiengewinnen ist vor diesem Grund kontraproduktiv und wirtschaftlich widersinnig, weil er die soziale Durchlässigkeit in der Gesellschaft dauerhaft reduziert und letztendlich sogar verhindert. Man muss sich nicht großartig verstellen, um die Forderung nach höherer Besteuerung, die als soziale Notwendigkeit verkauft wird, als zutiefst unsoziales Agieren anzusehen. Da auch große Vermögen zeitverzögert wieder zurück in den Geldkreislauf zurückfließen, denkt der Staat hier nach dem Discounter Prinzip. Die Besteuerung eines einzelnen Marsriegels wird der Besteuerung einer erheblich größeren Packung zu einem späteren Zeitpunkt vorgezogen.
Aus all diesen Gründen ist es geboten, ist es ein grundlegend sozialer Akt, die materielle Absicherung möglichst frühzeitig in die eigenen Hände zu legen und auch den eigenen Kindern dies als wesentliche Maxime mit auf den Lebensweg zu geben.
Disclaimer:
Jeder Artikel gibt die persönliche Meinung des jeweiligen Verfassers wieder. Diese ist das Ergebnis eigener Recherchen, die nach bestem Wissen und Gewissen und mit großer Sorgfalt durchgeführt worden sind. Es handelt sich dabei nicht um eine Wertpapierberatung bzw. Aufforderung zum Kauf von Wertpapieren. Vorsorglich wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der Erwerb von Wertpapieren mit gewissen Risiken verbunden ist, mit Risiken, die im schlimmsten Fall zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals führen können.
Es wird ferner darauf verwiesen, dass Wertpapierkäufe auf sorgfältige eigene Analysen und Recherchen gegründet sein sollten. Weder Retail Investor, noch der/die Verfasser eines Artikels haften für etwaig entstandene Verluste. Zur Erstellung dieses Artikels wurde KI verwendet. Weil nicht jede einzelne Aussage kontrolliert werden konnte, kann der Artikel Unrichtigkeiten aufweisen.
Retail Investor – Klaus-Uwe Becker
Klaus-Uwe Becker